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Wenn Fußball zur Nebensache wird

Maximilian Nicu im Zweikampf mit Thomas Hitzelsber

Ich hatte gerade meine zweite Einladung für die rumänische Nationalmannschaft erhalten und mich seelisch und moralisch auf eine neue Erfahrung in meiner Karriere gefreut. Schon bei meiner Ankunft am Flughafen merkte ich, dass das öffentliche Interesse (TV, Presse usw.) doch sehr hoch an diesem Spiel seien musste. Denn kaum stieg ich aus dem Flieger, wimmelte es nur so von Fernseh – und Presseteams.

Endlich im Hotel, oder besser gesagt, in der Sportschule in Mogosoia bei Bukarest angekommen, bezog ich mein Einzelzimmer. Ihr fragt euch jetzt „Einzelzimmer?“ Ja warum denn nicht, die Sportschule allein ist schon ein Manifest der Isolation, warum dann nicht auch noch ein Einzelzimmer?! Obwohl ich weder H1N1 gefährdet, oder sonst in irgendeiner Weise septisch war, kam ich gut damit klar und verbrachte meine Zeit so relativ entspannt. Genau so war eigentlich auch die Grundstimmung in unserem Domizil: Entspannt. Das gemeinsame Mittagessen mit der Mannschaft war ebenfalls sehr familiär. Das Trainerteam pendelte zwischen einer oder zwei Tageseinheiten, was uns am Anfang dieser Woche auch einen abendlichen Ausgang bescherte. Den nutzte ich, um Bukarest, die Heimatstadt meiner Eltern, ein wenig näher zu erkunden. Das Training an sich war auch nicht viel anders als im Verein. Ein wesentlicher Unterschied jedoch war, dass Rumänisch gesprochen wurde und ich so meine eigentliche Muttersprache ein wenig auffrischen konnte. Zwei Tage vor dem Spiel war dann die Abreise Richtung Ungarn. Am Spieltag stieg meine Anspannung - obwohl es „nur“ ein Freundschaftsspiel war - doch enorm an.

Denn jetzt erklärte sich auch der ganze Medienrummel für mich. Das bevorstehende Länderspiel stand nämlich unter einem eher traurigen Motto: Es fand zugunsten der Familie des rumänischen Handballspielers Marian Cozma statt, der mit 26 Jahren in Ungarn nach einem Discobesuch erstochen wurde. Vor dem Spiel war eine Gedenkstätte auf dem Platz aufgebaut worden mit einem großen Foto von ihm. Dann wurde es ziemlich emotional: Sein Vater, der selbst auch Handball Nationalspieler war, ergriff das Mikrofon und hielt eine sehr bewegende Ansprache. Sein Tod war so eine unsagbare Tragödie, denn der Vater erzählte nochmal von der Nacht in der es geschah. Marian und seine Teamkollegen feierten die Geburt des Kindes eines Mitspielers als plötzlich 30 Unbekannte das Lokal stürmten. Marian tanzte gerade mit seiner Freundin als die Gruppe ihn ohne Vorwarnung attackierte. Sie stachen mit Messern auf ihn ein. Drei Stiche verletzten ihn tödlich am Herzen. Zwei seiner Mitspieler, die ihm zu Hilfe eilten, wurden auch angegriffen. Torhüter Pesic bekam dabei ein Messer in den Rücken gestochen. Dabei wurde eine Niere so schwer verletzt, dass sie entfernt werden musste. Sesumot, 2006 bester Spieler der Junioren-WM in Innsbruck, wurde so heftig gegen den Kopf getreten, dass er einen Schädelbruch erlitt. Das war ein beklemmendes Gefühl, die zittrige Stimme seines Vaters zu hören und dabei auf sein Foto zu schauen. Obwohl wir gleich 90 Minuten lang Fußball spielen sollten hatten meine Mitspieler und ich Tränen in den Augen und waren sehr ergriffen. Das hat mir wieder einmal gezeigt, wie schnell es im Leben leider manchmal gehen kann. Er war gerade mal 26 Jahre alt, in der Blüte seiner aktiven Zeit.

Es stimmt einen selber schon sehr nachdenklich, wenn jemand gewaltsam und so früh aus dem Leben gerissen wird. In diesem Zusammenhang sorgte die anschließend gespielte Nationalhymne für ein Gänsehautgefühl, das ich so schnell nicht vergessen werde. Das Spiel selbst lief eigentlich ganz gut, denn am Ende gewannen wir mit 1:0. Es war auch schön, mal nicht nur im Training gegen meinen Teamkollegen Pal Dardai auf ungarischer Seite zu spielen. Nach dem Spiel saßen wir noch mit ein paar Pressevertretern in der Hotellobby. Eigentlich wollten wir über das Spiel reden, diskutierten aber ausschließlich über den traurigen Anlass...

Tags: Maximilian Nicu, Hertha BSC, Fußball, Marian Cozma, Handball, Lumani, Lumaniblog

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